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Hans Ostner

Hans Ostner

2017 • Wien
Wenn die späte Nachmittagssonne über der Bucht von Palma de Mallorca steht, sitzt Werner am liebsten an einem wackeligen Plastiktisch direkt an der Promenade, eine günstige filterlose Zigarette im Mundwinkel und ein kühles Cerveza vor sich. Mit seinen über siebzig Jahren ist er eine bullige, von tiefen Falten und verblassten Gefängnistätowierungen gezeichnete Erscheinung, die nicht so recht zu den fröhlichen Pauschaltouristen um ihn herum passen will. Geboren 1955 in den bürgerlichen Gassen von Klosterneuburg, war Werners Leben von Anfang an ein lauter, brutaler Gegenentwurf zur idyllischen Weinbauromantik seiner Heimatstadt. Schon in seiner frühen Jugend rutschte er ab, tauschte die Schulbank gegen verrauchte Beisln und billigen Wein, bis der Alkohol in seinen Zwanzigern endgültig die Regie übernahm. Er war ein stadtbekannter Raufbold, ein Getriebener, dessen ewiger Durst ständig nach frischem Bargeld verlangte – ein Verlangen, das ihn unweigerlich auf die dunkle Seite des Gesetzes trieb.

Sein erster großer Coup Mitte der Achtzigerjahre war ein klassischer Einbruch in die freistehende Villa eines Klosterneuburger Weinhändlers. Werner wusste, dass die Familie auf Urlaub in Grado war, hebelte in einer regnerischen Novembernacht die Terrassentür auf und stieß im Arbeitszimmer völlig unerwartet auf einen unverschlossenen Wandtresor. Fast 200.000 Schilling in dicken Tausenderscheinen stopfte er sich mit zitternden Händen in die Jackentasche – ein absolutes Vermögen für einen Mann, der sonst um jeden Groschen schnorrte. Das Geld brannte ihm in den Fingern; er warf es in den folgenden Monaten für Alkohol, dubiose Freunde und Spielautomaten beim Fenster hinaus, berauscht von dem trügerischen Gefühl, unbesiegbar zu sein. Doch dieser Übermut sollte ihm bei seinem nächsten Bruch einige Jahre später, als das Geld längst wieder restlos verprasst war, zum Verhängnis werden.

Er stieg in ein abgelegenes Einfamilienhaus in Kritzendorf ein, doch die Nervosität saß ihm diesmal in den Knochen. Um sich zu beruhigen, lehnte er sich im dunklen Wohnzimmer gegen den Türstock, zündete sich eine Zigarette an, nahm drei hastige Züge und schnippte den Stummel achtlos in einen großen Ficus-Topf, bevor er mit einer kümmerlichen Beute von ein paar Schmuckstücken floh. Zwei Tage später traten Zivilfahnder um sechs Uhr morgens seine Wohnungstür ein. Die Forensik steckte zwar noch in den Kinderschuhen, doch die Kriminaltechnik reichte aus: Ein winziger Tropfen Speichel am Filter der Zigarette hatte ihn verraten. Der Richter kannte keine Gnade mit dem einschlägig vorbestraften Wiederholungstäter und schickte ihn für sechs harte Jahre in die Justizanstalt Stein, wo Werner schnell lernte, dass der Alkohol ihm draußen vielleicht geschadet hatte, das Leben hinter den dicken Gefängnismauern aber weit gefährlichere Versuchungen barg.

Die Haft resozialisierte ihn nicht, sie lieferte ihm lediglich ein neues kriminelles Netzwerk. Als Werner Anfang der Zweitausenderjahre entlassen wurde, zog es ihn direkt nach Wien, in den pulsierenden, dreckigen Untergrund der Karlsplatz-Passagen. Der Alkohol war mittlerweile durch das schnelle Geld des Drogenhandels abgelöst worden. Werner stellte sich auf die Rolltreppen, versteckte kleine Kokain- und Heroinbriefchen in weggeworfenen Kaffeebechern und bediente die verelendete Szene mit der abgebrühten Routine eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. Doch die Paranoia wuchs mit jedem Geschäftstag, und sein Bauchgefühl trog ihn nicht, als er an einem regnerischen Dienstagnachmittag einem zittrigen, verwahrlost aussehenden Mann ein Gramm Heroin verkaufte. Kaum war das Geld übergeben, spürte Werner auch schon den harten Griff an seinem Kragen und den kalten Stahl der Handschellen – der vermeintliche Junkie war ein knallharter Undercover-Polizist der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität. Weitere drei Jahre in der Zelle waren der Preis für dieses kurze Gastspiel im Rauschgifthandel.

Nach seiner zweiten Entlassung war Werner ein gezeichneter Mann Ende fünfzig, zu alt für den Straßenverkauf, zu unqualifiziert und vorbestraft für einen normalen Beruf. Er fand schließlich bei einer zwielichtigen Diskothek am Wiener Gürtel einen Job als Türsteher, wo seine breite Statur und sein furchteinflößender Blick genossen, um betrunkene Streithähne auf Abstand zu halten. Es ging eine Weile gut, bis ein aggressiver Stammgast ihn an einem Samstagmorgen aufs Übelste provozierte und anspuckte. In Werner brach die aufgestaute Wut eines ganzen verpfuschten Lebens aus; er schlug gnadenlos zu, brach dem Mann den Kiefer, zertrümmerte ihm mehrere Rippen und beförderte ihn wochenlang auf die Intensivstation. Die sofortige fristlose Entlassung und eine bedingte Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung besiegelten das endgültige Ende seiner "Karriere". Von diesem Tag an bis zu seiner Pensionierung war Werner ein Stammkunde beim Arbeitsamt, ein sturer, gebrochener Einzelgänger, der in einer winzigen Wiener Gemeindebauwohnung jeden Cent umdrehte und zynisch auf eine Gesellschaft blickte, die mit ihm längst abgeschlossen hatte.

Heute lebt er von der Ausgleichszulage, der staatlichen Mindestpension, und hat mit dem kriminellen Leben abgeschlossen – nicht aus Reue, sondern aus purer Erschöpfung. Er raucht nicht mehr in fremden Wohnungen, er schlägt niemanden mehr zusammen, er sitzt einfach nur da und spart das ganze Jahr über eisern, oft beim Essen und bei der Heizung, nur um sich zweimal im Jahr diese billigen Pauschalreisen nach Mallorca leisten zu können. Dort, fernab vom Wiener Gürtel und den Erinnerungen an Klosterneuburg, ist er einfach nur ein alter Mann unter vielen, der schweigend auf das glitzernde Mittelmeer starrt und weiß, dass er jede Narbe und jede Niederlage auf seinem Körper ganz allein zu verantworten hat.