Gabriele Kauner
2005 • Wien
Gabriele saß am Küchentisch ihrer kleinen, aber hellen Mietwohnung im zwölften Wiener Gemeindebezirk, während draußen der graue Wiener Nebel sanft gegen die Fensterscheibe strömte. Mit ihren fünfundsechzig Jahren, geboren im Herbst 1961 mitten in der Bundeshauptstadt, hatte sie Falten im Gesicht, die von einem bewegten Leben erzählten, und Augen, die trotz aller Schicksalsschläge eine ruhige, fast sanfte Weisheit ausstrahlten. Auf dem Cerankochfeld summte die Espressokanne, und auf der karierten Sitzbank lag zusammengerollt ein alter, treuer Kater, der ihr in den vergangenen Jahren das Gefühl von Heimat gegeben hatte. Gabriele trug einen bequemen Strickpullover, atmete tief den Duft von frisch gebrühtem Kaffee ein und blickte auf ein gerahmtes Schwarz-Weißen-Foto aus den Achtzigern, das sie jung, lächelnd und voller Träume im Rathauspark zeigte.
Die Jahre im Wiener Rathaus, wo sie als junge Verwaltungsangestellte im Magistrat anfing, galten zunächst als die unbeschwerteste Zeit ihres Lebens. Sie genoss das geschäftige Treiben in den ehrwürdigen Gängen, die Sicherheit eines unbefristeten Jobs und das Gefühl, mitten im Herzen der Stadt zu arbeiten. Dort lernte sie auch ihren ersten Ehemann Thomas kennen, einen biederen Buchhalter aus Döbling, den sie 1984 in einer gutbürgerlichen Zeremonie heiratete. Doch die Ehe entpuppte sich rasch als trostloses Zweckbündnis, in dem die Liebe im alltäglichen Einerlei erstickte. Die unausgesprochene Leere in ihrer Wohnung wurde zum Nährboden für eine verhängnisvolle Affäre im Büro: Gabriele verliebte sich Hals über Kopf in ihren zuständigen Abteilungsleiter, einen charismatischen, verheirateten Juristen, der sie mit Schmeicheleien und großen Versprechungen um den Verstand brachte. Als Thomas durch einen anonymen Brief und abgefangene Liebesbriefe von der Liaison erfuhr, brach die Ehe in einem beispiellosen Gewitter aus Vorwürfen und Tränen zusammen; die Scheidung folgte prompt, doch auch die Affäre mit dem Rathaus-Chef löste sich bald darauf in Luft auf, als dieser kalten Fußes die Flucht ergriff, um seine eigene Karriere und Familie zu retten.
Kaum war der erste Sturm verweht, stolperte Gabriele in ihre zweite Ehe, getrieben von der panischen Angst vor dem Alleinsein und dem Wunsch nach bürgerlicher Reue. Sie heiratete einen geschiedenen Installateurmeister, der ihr anfangs die Sterne vom Himmel versprach, sich im Alltag jedoch als tyrannischer, cholerischer Kontrollfreak entpuppte. Jedes Zusammentreffen war von Beschimpfungen, Eifersuchtsszenen und gegenseitigem Groll geprägt, sodass die zweite Ehe in einem jahrelangen, nervenaufreibenden Rosenkrieg steckenblieb, der erst um die Jahrtausendwende endgültig durch das Gericht geschieden wurde. Doch die wahre Zäsur ihres Lebens folgte im Sommer 2004, als bei einer routinemäßigen Vorsorgeuntersuchung ein bösartiger Tumor diagnostiziert wurde. Die darauffolgende Operation und die kräftezehrenden Chemo-Therapien raubten Gabriele fast alle Lebenskräfte, ließen sie monatelang geschwächt im Wiener AKH liegen und hinterließen einen Körper, der für immer gezeichnet war, während sie sich parallel dazu mit den Tücken des Sozial- und Gesundheitssystems herumschlagen musste.
Nachdem sie den Krebs besiegt und sich mühsam in den Arbeitsalltag zurückgekämpft hatte, zog sich Gabriele immer weiter aus dem echten sozialen Leben zurück, was sie in den späten 2010er Jahren anfällig für die digitale Welt machte. Über eine englischsprachige Kulturplattform lernte sie einen charmanten, angeblich in London lebenden Architekten namens David kennen, der mit seinen rührenden Worten, tiefgründigen Nachrichten und geschickt gefälschten Fotos ihre Sehnsucht nach spätem Glück bediente. Aus den täglichen Chatnachrichten wurde eine langjährige virtuelle Fernbeziehung, in der David ihr ewige Treue und ein gemeinsames Lebensabend-Domizil in der Toskana versprach. Doch als er nach und nach immer dringendere finanzielle Notlagen vorschob – erst wegen blockierter Auslandskonten, dann wegen eines vermeintlichen Unfalls –, überwies Gabriele im Laufe von drei Jahren zuerst ihre gesamten Ersparnisse, dann den Erlös aus dem Verkauf eines kleinen Baugrundstücks und schliesslich sogar das Geld, das sie sich von einer Cousine geliehen hatte. Als sie im Frühjahr 2023 nach einer erneuten Überweisung von zehntausend Euro plötzlich von allen Plattformen geblockt wurde und begriff, dass David ein skrupelloser Internet-Scammer war, stand sie vor dem totalen finanziellen Ruin, musste ihre Eigentumswohnung zwangsweise verkaufen und in die jetzige, kleine Mietwohnung am Stadtrand ziehen.
Heute, nach all den schmerzhaften Stürzen, den verfehlten Ehen, der schweren Krankheit und dem perfiden Betrug, überrascht Gabriele sich selbst am meisten damit, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben echten inneren Frieden empfindet. Der finanzielle Verlust tat weh, doch er befreite sie gleichzeitig von dem toxischen Ballast, immer jemandem etwas beweisen zu müssen oder den Erwartungen anderer zu entsprechen. Sie schätzt die absolute Ruhe in ihrer kleinen Wohnung, genoss am Wochenende einen Spaziergang durch die herbstlichen Weinberge in Grinzing und weiß, dass sie niemanden mehr braucht, um glücklich zu sein. Sie ist einsam, ja – aber diese Einsamkeit ist für sie kein Gefängnis mehr, sondern ein kostbares, selbstbestimmtes Zu Hause, in dem sie endlich ganz bei sich angekommen ist.
Die Jahre im Wiener Rathaus, wo sie als junge Verwaltungsangestellte im Magistrat anfing, galten zunächst als die unbeschwerteste Zeit ihres Lebens. Sie genoss das geschäftige Treiben in den ehrwürdigen Gängen, die Sicherheit eines unbefristeten Jobs und das Gefühl, mitten im Herzen der Stadt zu arbeiten. Dort lernte sie auch ihren ersten Ehemann Thomas kennen, einen biederen Buchhalter aus Döbling, den sie 1984 in einer gutbürgerlichen Zeremonie heiratete. Doch die Ehe entpuppte sich rasch als trostloses Zweckbündnis, in dem die Liebe im alltäglichen Einerlei erstickte. Die unausgesprochene Leere in ihrer Wohnung wurde zum Nährboden für eine verhängnisvolle Affäre im Büro: Gabriele verliebte sich Hals über Kopf in ihren zuständigen Abteilungsleiter, einen charismatischen, verheirateten Juristen, der sie mit Schmeicheleien und großen Versprechungen um den Verstand brachte. Als Thomas durch einen anonymen Brief und abgefangene Liebesbriefe von der Liaison erfuhr, brach die Ehe in einem beispiellosen Gewitter aus Vorwürfen und Tränen zusammen; die Scheidung folgte prompt, doch auch die Affäre mit dem Rathaus-Chef löste sich bald darauf in Luft auf, als dieser kalten Fußes die Flucht ergriff, um seine eigene Karriere und Familie zu retten.
Kaum war der erste Sturm verweht, stolperte Gabriele in ihre zweite Ehe, getrieben von der panischen Angst vor dem Alleinsein und dem Wunsch nach bürgerlicher Reue. Sie heiratete einen geschiedenen Installateurmeister, der ihr anfangs die Sterne vom Himmel versprach, sich im Alltag jedoch als tyrannischer, cholerischer Kontrollfreak entpuppte. Jedes Zusammentreffen war von Beschimpfungen, Eifersuchtsszenen und gegenseitigem Groll geprägt, sodass die zweite Ehe in einem jahrelangen, nervenaufreibenden Rosenkrieg steckenblieb, der erst um die Jahrtausendwende endgültig durch das Gericht geschieden wurde. Doch die wahre Zäsur ihres Lebens folgte im Sommer 2004, als bei einer routinemäßigen Vorsorgeuntersuchung ein bösartiger Tumor diagnostiziert wurde. Die darauffolgende Operation und die kräftezehrenden Chemo-Therapien raubten Gabriele fast alle Lebenskräfte, ließen sie monatelang geschwächt im Wiener AKH liegen und hinterließen einen Körper, der für immer gezeichnet war, während sie sich parallel dazu mit den Tücken des Sozial- und Gesundheitssystems herumschlagen musste.
Nachdem sie den Krebs besiegt und sich mühsam in den Arbeitsalltag zurückgekämpft hatte, zog sich Gabriele immer weiter aus dem echten sozialen Leben zurück, was sie in den späten 2010er Jahren anfällig für die digitale Welt machte. Über eine englischsprachige Kulturplattform lernte sie einen charmanten, angeblich in London lebenden Architekten namens David kennen, der mit seinen rührenden Worten, tiefgründigen Nachrichten und geschickt gefälschten Fotos ihre Sehnsucht nach spätem Glück bediente. Aus den täglichen Chatnachrichten wurde eine langjährige virtuelle Fernbeziehung, in der David ihr ewige Treue und ein gemeinsames Lebensabend-Domizil in der Toskana versprach. Doch als er nach und nach immer dringendere finanzielle Notlagen vorschob – erst wegen blockierter Auslandskonten, dann wegen eines vermeintlichen Unfalls –, überwies Gabriele im Laufe von drei Jahren zuerst ihre gesamten Ersparnisse, dann den Erlös aus dem Verkauf eines kleinen Baugrundstücks und schliesslich sogar das Geld, das sie sich von einer Cousine geliehen hatte. Als sie im Frühjahr 2023 nach einer erneuten Überweisung von zehntausend Euro plötzlich von allen Plattformen geblockt wurde und begriff, dass David ein skrupelloser Internet-Scammer war, stand sie vor dem totalen finanziellen Ruin, musste ihre Eigentumswohnung zwangsweise verkaufen und in die jetzige, kleine Mietwohnung am Stadtrand ziehen.
Heute, nach all den schmerzhaften Stürzen, den verfehlten Ehen, der schweren Krankheit und dem perfiden Betrug, überrascht Gabriele sich selbst am meisten damit, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben echten inneren Frieden empfindet. Der finanzielle Verlust tat weh, doch er befreite sie gleichzeitig von dem toxischen Ballast, immer jemandem etwas beweisen zu müssen oder den Erwartungen anderer zu entsprechen. Sie schätzt die absolute Ruhe in ihrer kleinen Wohnung, genoss am Wochenende einen Spaziergang durch die herbstlichen Weinberge in Grinzing und weiß, dass sie niemanden mehr braucht, um glücklich zu sein. Sie ist einsam, ja – aber diese Einsamkeit ist für sie kein Gefängnis mehr, sondern ein kostbares, selbstbestimmtes Zu Hause, in dem sie endlich ganz bei sich angekommen ist.