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Hans Bergheim

Hans Bergheim

2007 • Mönichkirchen
Prolog: Der Duft von Zirbenholz und Sägemehl
Es riecht nach geölter Eiche, nach frisch geschnittenem Fichtenholz und dem scharfen, unverwechselbaren Duft von Terpentin. Wenn Johann Leitner die Augen schließt, steht er wieder in der alten Werkstatt in Gschnitz, einem abgelegenen Tiroler Bergdorf, wo die Welt im Jahr 1952 noch aus steilen Hängen, langen Wintern und dem unerbittlichen Rhythmus der Natur bestand.

Johann wurde am 14. Oktober 1952 in eine Zeit geboren, in der die Nachkriegsjahre in den Alpen noch von schwerer Handarbeit geprägt waren. Sein Vater war Gemeindearbeiter und Nebenerwerbsbauer, die Mutter hielt zwei Kühe und sorgte dafür, dass die fünf Kinder trotz spärlicher Verhältnisse nicht hungern mussten. Johann war der Zweitälteste – ein zäher, hellwachsiger Bursche mit großen Händen, die schon früh begriffen, wie man Holz bearbeitete.

Kapitel 1: Die Lehrjahre und der Wille nach Unabhängigkeit
Schon als Zehnjähriger verbrachte Johann jede freie Minute beim Dorf-Tischler, Meister Alois Egger. Während andere Buben auf den Weiden fußballspielten, kehrte Johann die Werkstatt aus, schärfte Stemmeisen und beobachtete mit Argusaugen, wie aus einem rohen Bloch Fichtenholz ein massiver Bauernkasten wurde. Egger war ein strenger, wortkarger Mann, der Fehler nicht duldete. Ein schiefes Zapfenloch wurde gnadenlos ins Ofenfeuer geworfen.

Mit vierzehn Jahren begann Johann die offizielle Lehre. Der Arbeitsalltag begann um sechs Uhr morgens, oft bei eisigen minus fünfzehn Grad in der ungeheizten Werkstatt, und endete spät abends. Johann klagte nie. In ihm brannte ein Ehrgeiz, der über das Tal hinauswies. Er wollte nicht wie sein Vater als Tagelöhner enden oder das karge Bergbauernbrot auf den steilen Mähwiesen verdienen. Er wollte erschaffen, gestalten, etwas Bleibendes hinterlassen.

Nach der Gesellenprüfung zog es ihn in die Fremde – ins Unterland, nach Innsbruck und kurzzeitig nach München, wo er in großen Möbelfischereien die Feinheiten des Innenausbaus lernte. Doch das enge Gschnitztal rief ihn zurück. Im Jahr 1976, mit 24 Jahren, wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit.

Kapitel 2: Der Aufbau – Die Tischlerei Leitner & Söhne
Mit geliehenem Geld der Raiffeisenkasse und tatkräftiger Unterstützung seines Vaters kaufte Johann ein Stück Grund am Dorfrand. In monatelanger Eigenregie, Stein für Stein, errichtete er eine moderne Werkstatthalle. Es war die Zeit des alpinen Tourismusbooms. Die ersten großen Hotelpensionen wurden gebaut, und Johann verstand es wie kein Zweiter, traditionelle Handwerkskunst mit modernem Komfort zu verbinden. Seine Zirbenholz-Stuben mit den filigran handgeschnitzten Eckerln wurden im ganzen Bundesland ein Begriff.

Privat lief es ähnlich zielstrebig. 1978 heiratete er seine erste Frau Maria, eine resolute Wirtstochter aus dem Nachbardorf. Die Ehe war anfangs von Fleiß und gemeinsamem Aufbau geprägt. Bis 1985 schenkte Maria ihm drei Kinder: die Zwillinge Stefan und Katharina (geboren 1979) sowie den jüngeren Sohn Florian (geboren 1983).

Die Werkstatt florierte. Bald beschäftigte Johann zehn Gesellen und zwei Lehrlinge. Der Name Leitner stand für absolute Qualität. Doch der Erfolg hatte seinen Preis. Johann war ein Besessener. Er stand morgens um fünf Uhr in der Werkstatt und verließ sie oft erst nach Mitternacht. Für Familie blieb wenig Raum. Die Ehe mit Maria kühlte ab; man lebte eher nebeneinanderher, verbunden durch den gemeinsamen Betrieb und die Sorge um die Kinder.

Kapitel 3: Die erste große Krise und der Neuanfang
Im Herbst 1991 traf Johann der Schicksalsschlag, den er nie ganz überwinden sollte. Sein ältester Sohn Stefan, der als ruhiger, verlässlicher junger Mann galt und ebenfalls das Tischlerhandwerk erlernte, verunglückte bei einer winterlichen Bergtour tödlich. Er glitt auf einer vereisten Rinne aus und stürzte dreißig Meter in die Tiefe.

Der Tod des Sohnes brach der Familie das Rückgrat. Maria verfiel in eine tiefe, stumme Depression, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Die Ehe zerbrach an der Trauer. 1993 folgte die Scheidung nach fünfzehn Ehejahren. Johann, der sonst alles im Leben durch Willenskraft gelöst hatte, stand vor den Trümmern seines privaten Glücks. Die Werkstatt lief zwar weiter, aber sie war für ihn zu einem kalten, einsamen Ort geworden.

Rettung schien aus unerwarteter Richtung zu kommen. 1995 lernte Johann bei einem geschäftlichen Aufenthalt in Wien die um zehn Jahre jüngere Grafikdesignerin Elena kennen. Elena war das genaue Gegenteil von Maria: lebhaft, weltgewandt, voller Ideen und Sehnsucht nach dem unberührten Leben in den Bergen. Johann verliebte sich mit der Wucht eines Spätberufenen. Sie heirateten 1997, und 1998 kam ihr gemeinsamer Sohn Lukas zur Welt.

Mit Elena kehrte das Leben in das große Haus über der Werkstatt zurück. Doch Johann merkte bald, dass sich die Zeiten geändert hatten. Die großen Aufträge für Hotels wurden seltener, die Konkurrenz durch billige osteuropäische Importe drückte die Preise, und die Bürokratie erdrückte das Handwerk.

Kapitel 4: Der Verfall – Florian und das Gift der Ferne
Johann setzte nun all seine Hoffnungen auf seinen jüngsten Sohn aus erster Ehe, Florian. Florian hatte zwar die Tischlerlehre mit Auszeichnung abgeschlossen und das Talent seines Vaters geerbt, aber er besaß nicht dessen Disziplin. Florian war ein Lebemensch, sprunghaft und zunehmend von Fernweh geplagt.

Nachdem Johann ihm im Jahr 2000 offiziell die Geschäftsführung der Leitner & Söhne GesmbH übergeben hatte, zog sich der alte Meister – nun fast 50 Jahre alt und körperlich von der harten Arbeit gezeichnet – schrittweise in den Hintergrund zurück. Das war der Anfang vom Ende.

Florian fand Gefallen an dem schnellen Geld und vor allem an den exotischen Reisezielen Südostasiens. Im Winter 2001 flog er das erste Mal nach Thailand – offiziell, um sich "Inspirationen für modernes Holzdesign" zu holen. Aus drei Wochen wurden sechs. In seiner Abwesenheit liefen in der Heimat die Maschinen weiter, aber niemand überwachte die Qualität, und wichtige Kundenaufträge wurden schleppend oder mangelhaft ausgeführt.

Im Jahr 2002 wiederholte sich das Spiel im noch größeren Stil. Florian verbrachte fast den halben Winter und den gesamten Frühsommer in den Stränden von Phuket und Bangkok. Die Rechnungen blieben unbezahlt, Krankenkassenbeiträge und Steuern liefen auf. Als Johann das Ausmaß des Desasters bemerkte, war es bereits zu spät. Er versuchte, das Ruder herumzureißen, strich die Konten seines Sohnes und übernahm wieder die Werkstatt. Doch die Banken hatten längst kalte Füße bekommen.

Kapitel 5: Der Konkurs im Schicksalsjahr 2003
Der April 2003 ging als der bitterste Monat in Johanns Leben in die Annalen des Dorfes ein. Die Kredite, die für eine moderne CNC-Fräse aufgenommen worden waren, konnten nicht mehr bedient werden. Die Lieferanten verlangten Vorkasse, die Löhne der Arbeiter standen aus.

Am 12. April 2003 klingelte der Gerichtsvollzieher an der Werkstatttür. Das Insolvenzverfahren wurde eröffnet. Überschwemmt von Schulden in Höhe von knapp zwei Millionen Euro, musste die Traditions-Tischlerei Leitner Konkurs anmelden. Die Maschinen wurden unter den Augen des gesamten Dorfes versteigert. Die Zirbenholz-Hobelbank, auf der einst der Vater und Johann selbst gestanden hatten, ging für einen Spottpreis an einen Händler aus Innsbruck.

Die Schande wog schwerer als der finanzielle Ruin. In einem Tiroler Bergdorf verzeiht man vieles, aber keinen wirtschaftlichen Schiffbruch, der durch Leichtsinn verursacht wurde. Florian war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in Thailand – als er vom Konkurs erfuhr, blieb er einfach dort und tauchte unter. Der Kontakt brach für Jahre ab.

Elenas Liebe zerbrach an dem Druck der Krise. Sie hielt den Spott der Dorfbewohner und die Depressionen ihres Mannes nicht aus. 2004 packte sie ihre Sachen, nahm den kleinen Lukas und zog zurück nach Wien. Johann blieb allein zurück in dem großen, leeren Haus – verschuldet, entehrt und körperlich ausgebrannt.

Epilog: Der Frieden auf der Ofenbank
Viele Jahre sind seitdem vergangen. Heute, im Jahr 2026, ist Johann Leitner ein alter Mann mit tiefen Furchen im Gesicht und schlohweißem Haar. Die Schulden aus dem Konkurs hat er durch jahrelange, harte Arbeit als einfacher Angestellter in einer fremden Tischlerei bis zum letzten Cent zurückgezahlt – ein Umstand, auf den er stolz ist. Sein Ehrgeiz hat ihn am Ende gerettet.

Er lebt zurückgezogen in einer kleinen Mietwohnung am Dorfrand von Gschnitz. Der Kontakt zu seinen verbliebenen Kindern hat sich über die Jahre zaghaft normalisiert; Lukas, der mittlerweile in Wien studiert, besucht ihn gelegentlich im Sommer. Florian ist vor einigen Jahren aus Thailand zurückgekehrt, lebt im Unterland und versucht, als Montagearbeiter Fuß zu fassen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn bleibt schweigsam, aber der Groll ist irgendwann der schmerzhaften Ergebung gewichen.

Wenn Johann heute durch das Dorf geht, grüßen ihn die Jüngeren respektvoll. Sie wissen, dass er derjenige war, der das Handwerk im Tal geprägt hat, auch wenn das Ende bitter war.

Manchmal, wenn die Abendsonne die steilen Felswände des Gschnitztals in ein blutiges Rot taucht, setzt er sich auf seine Holzbank vor dem Haus. Er schließt die Augen und riecht das Holz. Es ist derselbe Geruch wie damals 1952. Das Leben war hart, ungerecht und voller Stürme, aber als Tischler wusste Johann immer: Am Ende entsteht aus jedem noch so astigen, verworfenen Holzstück ein Charakter, wenn man es nur richtig zu schleifen versteht.