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Anton Seefeld

Anton Seefeld

2017 • Kitzbühel
Hannes stand auf dem Balkon seines alten Bauernhauses in den Kitzbüheler Alpen, und die Luft schmeckte nach nassem Gras und dem kalten Voralpenwind, der von den Hohen Tauern herabwehte. Es war ein Septembermorgen im Jahr 2026, und Hannes zählte mittlerweile fünfundsiebzig Jahre. Sein Gesicht war von der Sonne und den Jahrzehnten im Freien gegerbt, die Hände waren schwer, und sein Blick ruhte auf den saftigen Wiesen, die seit Generationen seiner Familie gehört hatten. Er trug eine abgewetzte Wolljacke, während neben ihm Max stand, ein treuer, tiefenentspannter altdeutscher Schäferhund, der mit seinen klugen braunen Augen regungslos das Tal beobachtete. Max wich ihm seit Jahren nicht von der Seite – als treuer Anker in einer Welt, die für Hannes einmal komplett aus den Fugen geraten war.

Fast vierzig Jahre lang hatte Hannes geglaubt, in einem unerschütterlichen Fundament zu leben. Geboren 1951, war er ein Mann der alten Schule: schaffig, verlässlich, mit einem eisernen Pflichtbewusstsein für den Hof und seine Ehe mit Maria. Maria war die stille, elegante Kraft an seiner Seite gewesen, glaubte er zumindest. Sie führten einen gastfreundlichen Haushalt, zogen zwei Kinder groß, und Hannes arbeitete tagsüber hart als technischer Zeichner in einem Ingenieurbüro, ehe er abends und an den Wochenenden die schwere Hofarbeit erledigte. Die Risse in dieser heilen Welt zeigten sich erst, als die Kinder längst aus dem Haus waren und eine schleichende Kälte in die Stube einzog.

Es passierte an einem verregneten Dienstagnachmittag im November, als Hannes wegen eines heftigen Hexenschusses überraschend früh von der Arbeit nach Hause kam. Auf dem Küchentisch lag Marias altes Tablet, das sie im Halbschlaf hatte entsperrt liegen lassen. Ein aufblinkendes WhatsApp-Fenster riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Es waren Nachrichten von Thomas, einem befreundeten Architekten aus dem Nachbardort und langjährigen Gast an ihrem Tisch. Die Zeilen waren unmissverständlich, intim und roh. Es war kein flüchtiger Seitensprung; es war ein Doppelleben, das über sage und schreibe sieben Jahre geführt worden war. Hannes erlebte in diesem Moment eine körperliche Schockstarre, gefolgt von einer sengenden Wut, die er in seinem ganzen Leben noch nicht gespürt hatte. Als Maria am Abend heimkam, konfrontierte er sie eiskalt mit den Beweisen. Sie stritt zunächst ab, brach dann aber in Tränen aus und gestand alles – die heimlichen Treffen während seiner Geschäftsreisen, die Wochenenden, an denen sie angeblich bei kranken Verwandten in Salzburg gewesen war, und die kalte, berechnende Gleichgültigkeit, mit der sie ihn über ein halbes Jahrzehnt lang belogen hatte.

Der darauffolgende Scheidungskrieg fraß sich wie Rost in Hannes' Seele. Maria zeigte eine unerbittliche Härte, die er an ihr nie gekannt hatte, angetrieben von einem teuren Anwalt und dem Wunsch nach maximaler Absicherung. Im Zentrum des erbitterten Streits stand das alte, 1840 erbaute Erbgüterhaus mitsamt den dazugehörigen Gründen, in denen Hannes aufgewachsen war. Maria forderte die Hälfte des Verkehrswertes oder den Verkauf des Anwesens, argumentierte mit werterhöhenden Investitionen und versuchte, ihn als emotional instabil hinzustellen, um das Sorgerecht für das letzte gemeinsame Leben im Haus zu brechen. Hannes kämpfte wie ein Löwe, rannte monatelang von Bank zu Bank, verschuldete sich hoch, um ihre Abfindung zu stemmen, und blätterte alte Grundbuchauszüge aus der k.u.k.-Monarchie hervor, um zu beweisen, dass der Grundbesitz reines Familienvererbungsrecht war. Am Ende behielt er das Haus, aber der Sieg schmeckte nach Asche: Er war finanziell schwer angeschlagen, emotional ausgebrannt und saß abends oft stundenlang allein in der großen Stube, während die Standuhr im Flur unerbittlich die Sekunden zählte.

Um dem erstickenden Trott und den hasserfüllten Blicken im Dorf zu entkommen, buchte Hannes im darauffolgenden Sommer eine dreiwöchige Busreise an den Gardasee in Italien. Dort, in einem malerischen Hotel am Ostufer bei Malcesine, passierte etwas, womit er niemals gerechnet hätte: Er lernte Elena kennen, eine lebhafte, dunkelhaarige Italienerin mit warmem Lächeln, die dort als Rezeptionistin arbeitete und mit ihren fast fünfzig Jahren eine erfrischende, unbeschwerte Lebensfreude ausstrahlte. Was als höfliche Urlaubsbekanntschaft begann, entwickelte sich rasch zu einer leidenschaftlichen Affäre, die Hannes wie ein verjüngendes Elixier vorkam. Sie redeten stundenlang bei Rotwein am See, besuchten versteckte Olivenhaine, und Hannes fühlte sich zum ersten Mal seit dem Verrat seiner Ex-Frau wieder lebendig, gewollt und als Mann geschätzt. Nach dem Urlaub pendelte er mehrmals nach Verona, holte Elena für ein verlängertes Wochenende nach Tirol und spielte mit dem Gedanken, sie dauerhaft zu sich auf den Hof zu holen.

Das böse Erwachen folgte im Spätherbst, als Elena ihn auf dem Hof in Tirol besuchte und ihren jüngeren Bruder Marco im Schlepptau hatte, einen windigen, schmächtigen Typen mit nervösen Augen, der angeblich in Innsbruck Arbeit suchte und vorübergehend im alten Gesindetrakt des Hofes unterkommen sollte. Hannes war skeptisch, gab aber Elenas inständigen Bitten nach und nahm den jungen Mann auf. Marco erwies sich jedoch als unzuverlässiger Taugenichts, der tagelang verschwand, zwielichtige Telefonate führte und den Hof als kostenloses Hotel nutzte. Nur drei Wochen nach Marcos Ankunft geschah das Unfassbare. Hannes kam spätabends von einer Besorgung aus dem Nachbardorf zurück und wunderte sich über die offene Kellertür. Im Schlafzimmer herrschte ein Bild des Schreckens: Die alte Holztruhe, in der Hannes seit den Zeiten seiner Eltern Bargeldreserven für Notfälle sowie einige historische Goldmünzen und Erbstücke aufbewahrte, war aufgebrochen. Das Schloss lag zertrümmert auf dem Holzboden, und sämtliche Ersparnisse – knapp 18.000 Euro in bar und der Familienschmuck seiner Mutter – waren spurlos verschwunden. Marco war wie vom Erdboden verschluckt, und als Hannes Elena zur Rede stellte, brach sie in hysterisches Weinen aus, strich aber gleichzeitig jede Mitwisserschaft ab, ehe sie am nächsten Morgen fluchtartig abreiste und nie wieder ans Telefon ging.

Die Polizei konnte Marco nie fassen, und die Enttäuschung über diesen hinterpfälzischen Verrat traf Hannes härter als die Scheidung von Maria, weil er sich eingestehen musste, dass er sich von seiner eigenen Sehnsucht nach Liebe und Wärme hatte blenden lassen. Seit jenem Tag schloss Hannes die Tür des alten Hauses ab – nicht nur vor Einbrechern, sondern vor der Welt. Er gab die Suche nach einer Partnerin endgültig auf, stutzte seinen Lebensstil auf ein karges, aber ehrliches Maß zurück und holte sich den Schäferhund Max in sein Leben, der ihn seitdem auf jedem Schritt begleitet. Wenn Hannes heute durch die Nebelfelder des Tals streift und Max fröhlich vorausläuft, weiß er, dass er zwar einsam ist, aber auf eigenem Grund steht, wo kein falsches Wort mehr gesprochen und kein Verrat mehr begangen werden kann.